Nachhaltigkeit oder die Zukunft der Unternehmen
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Gastkommentar von Alfred W. Strigl DI Dr. Alfred W. Strigl ist Geschäftsführer der „plenum – gesellschaft für ganzheitlich nachhaltige entwicklung gmbh“ und Vorstand am Österreichischen Institut für Nachhaltige Entwicklung. |
Nachhaltigkeit erfassen
Wohin steuert unsere Welt- und Menschheitsentwicklung? Wie
kann das globale Wachstum von Wirtschaft, Wohlstand und Bevölkerung
tatsächlich zukunftsfähig, zukunftserhaltend gestaltet
werden? Diese Fragen beschäftigen zunehmend mehr Menschen.
Medien, Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und breite Kreise
der Gesellschaft diskutieren immer intensiver die Begriffe der „Nachhaltigkeit“ sowie der „sozialen und ökologischen Verantwortung“
unserer globalen Entwicklungen. Eins steht fest: „Weiter
wie bisher“, das könnte uns in eine fatale Sackgasse manövrieren
und kommende Generationen mit weit weniger Chancen und
Möglichkeiten der Handlungsfreiheit ausstatten, als wir sie derzeit
noch haben.
Klimawandel, Armut und Ungerechtigkeiten erzeugen dynamische Vorgänge – wie beispielsweise den steigenden Migrationsdruck zwischen Afrika und Europa – Vorgänge, die wir schwer in den Griff bekommen. Der ökologische Fußabdruck ist plötzlich in unserem Bewusstsein. Die Wissenschafter rechnen uns aus, dass wir auf zu großem Fuß leben. Lebten alle 6,3 Milliarden Erdenbürger mit demselben Lebensstil wie Herr und Frau Österreicher, so bräuchten wir Menschen etwa dreimal die Erde, um dauerhaft überleben zu können. Lebten alle so wie die US-Amerikaner, bräuchten wir heute gar schon sechs Planeten. Da geht sich langfristig etwas nicht aus. Vor allem, wenn der „amerikanische“ Lebensstil globalisiert wird. Erstmals in der Geschichte der Menschheit wird uns klar, dass derzeit der gesamte Planet auf dem Spiel steht.
Ein global solidarischer Bewusstseins-Ruck geht durch die Menschheit. Wir sind mitten dabei, unsere Haltungen und Werte gravierend zu hinterfragen, unser Verhalten und Handeln erstmals entscheidend zu ändern: „Lifestyle of Health and Sustainability – Lohas“ nennen das die Sozial- und Konsumforscher – ein Lebensstil, der geprägt ist von den Leitmotiven der Gesundheit und Nachhaltigkeit. Der Lohas-Megatrend bewirkt, dass allein im Jahr 2007 über 30% mehr Bio-Produkte nachgefragt wurden als ein Jahr zuvor, dass nachhaltige Investments boomen wie noch nie und Geld plötzlich „ethisch“ wird, dass mittlerweile schon Energie produzierende Passiv-Häuser gebaut werden, dass „Fair Trade“ den Umsatz seit 2004 verdoppelt hat, dass Bio-Baumwolle bei Mode-Discountern angeboten wird, dass sanftes Reisen angesagt ist und vieles, vieles mehr. Um es auf den Punkt zu bringen: Wir haben „Nachhaltigkeit“ endlich erfasst – und sie uns.
Nachhaltigkeit integrieren
„Erfolg hat drei Buchstaben: TUN!“ Dieses Zitat geht auf Johann
Wolfgang von Goethe zurück und beschreibt trefflich, was in der modernen
Managementliteratur ganz ähnlich bezeichnet wird: „Erfolg
erfolgt“. Um bei den Ausführungen über die Nachhaltigkeit zu bleiben,
bedeutet das, dass wer gestern bereits Substanzielles getan
hat, heute erste Erfolge vorweisen kann und morgen als Zukunftsmacher
feststehen wird. Betrachten wir doch einmal mit dem Dreisprung – gestern, heute, morgen – die Entwicklungen bei Lenzing:
Gestern. Kein leichtes Erbe.
Man nehme Holz und mache daraus Zellbzw.
echte „Baum“-Wolle. So weit, so gut.
Doch dazu ist und war immer schon viel
Chemie notwendig. Diese Chemie machte
der Umgebung das Leben nicht leicht.
Abwässer wurden ungeklärt über den
Vorfluter entsorgt, Emissionen kamen
größtenteils ungefiltert aus dem Schlot – bis die Umweltaktivisten und mit ihnen
auch die Einsicht im Management kam.
In den 1980er und 90er Jahren wurden in
der Technologie substanzielle Verbesserungen
vorgenommen. Die „Chemiefaser“,
wie die Lenzing Gruppe lange Zeit hieß,
wurde in Sachen Umweltschutz vom Saulus
zum Paulus. Neue Produkte wurden
entwickelt (Lyocell bzw. TENCEL®) und
Mitte der 1990er Jahre am Markt eingeführt.
Fazit: Lenzing hat aus seiner Vergangenheit
gelernt und die ursprünglichen
Investitionen in den Umweltschutz waren
letztlich Investitionen in die Zukunft.
Heute. Die Basis stimmt.
Die Herausforderungen der Lenzing Gruppe sind komplexer geworden. Der globale Markt brachte es mit sich, dass auch das kleine Unternehmen im Attergau international aufsteigen musste, um nicht geschluckt zu werden. Heute zählen die Standorte in Europa, Amerika und Asien zu Vorzeigebetrieben der jeweiligen Region und Branche. Hohe und real gelebte Qualitätsstandards – ökologisch wie sozial – und eine starke Innovationskraft sind von meinem Blickpunkt aus die beiden Standbeine der erfolgreichen Lenzing-Strategie.
Doch auf diesen ausruhen darf man sich
nicht. Das wissen auch die Manager. Und so kochen in den Töpfen der Unternehmensstrategen
Themen wie Öko- und
Energieeffizienz, Innovationen in Produkt-,
aber auch Dienstleistungsbereichen, weitere
Verbesserungen in Produktion, Beschaffung
und Wertschöpfung, und einiges
mehr. Dies alles geschieht, um den
Blick auf das Morgen nicht zu verlieren.
Morgen. Das Ganze im Blick.
Die Durchdringung der gesamten Märkte
mit den Themen Gesundheit und Nachhaltigkeit
vollzieht sich derzeit vor unseren
Augen. Die Trendforscher attestieren, dass
der Boom soeben erst losgeht. Der Trend
wird verstärkt durch die Möglichkeiten der
Vernetzung und Verbindung von bis dato
getrennten Informationen und Technologien.
Aus den einzelnen Wertschöpfungsketten
wird ein globales Werte-Schöpfungssystem.
Für Lenzing bedeutet das,
dass sich vom Wald- und Forst- über den
Holz- und Faserbereich, dann über sämtliche
Stationen der textilen Kette bis hin
zu den Konsumenten und wieder zurück
in die Entsorgung und Kreislaufschließung
ein Netz von „nachhaltigen“ Möglichkeiten
auszubreiten beginnt. Hier fängt spätestens
ganzheitliches Denken an. Wenn alles
mit allem verbunden ist, sollten Entscheidungen
immer auch mit Herz, Hirn und
Verstand gefällt werden.
Nachhaltigkeit unternehmen
Wie könnte Lenzing auch in Zukunft das
Thema Nachhaltigkeit integrieren? Eine
Antwort ist, die Integration der letzten Jahre
aktiv und mutig fortzusetzen. Eine weitere
Antwort ist, das Thema Gesundheit,
Lebensstil und eine faire Welt noch stärker
zu besetzen, ja förmlich zu unternehmen.
Hier dürfen die Initiativen, die Lenzing in
der Branche setzt, wie beispielsweise
die „Botanic Principles“, nicht abreißen.
Zukunft schaffen, Fakten und Tatsachen
schaffen, das ist momentan angesagt. Die
Menschen da draußen beginnen das Thema
zu entdecken und die Unternehmen,
die Nachhaltigkeit ernsthaft unternehmen,
werden zu den Gewinnern zählen. Dabei
zählt der ganzheitliche Lebensqualitätsansatz
am meisten. Konsumierende wollen
mit gutem Gewissen für sich und die Welt
agieren. Doch wie sollte in Zukunft das
alles unter einen Hut gebracht, wie das
Ganze im Blick behalten werden?
Das Ganze, so haben es die alten Griechen
beschrieben, ist dann ganz, wenn
es aus drei unterschiedlichen Aspekten
besteht, die zusammenkommen und zusammenwirken:
das Gute, das Schöne
und das Wahre. Diese drei Aspekte können
auch mit den drei Dimensionen der
Nachhaltigkeit, der Wirtschaft, der Umwelt
und der Gesellschaft verglichen werden.
Alle drei Aspekte haben eigene Qualität
und Würde, haben eigene Kraft und
Logik. Das Ganze ist dann ganz, wenn
keine Dimension die anderen dominiert.
Das eine ist ohne die jeweiligen anderen
nichts. So wie wir gelernt haben Gutes mit
dem Herzen, Schönes mit den Augen und
Wahres mit dem Verstand zu bewerten,
müssen war auch Natur, Gesellschaft und
Wirtschaft mit unterschiedlichen Maßen
messen. Nur dadurch entsteht aus einem
einzigen ökonomischen Wert wieder eine
Vielzahl von Werten, die uns Hoffnung und
Heimat sind.